Versteckte Tierprodukte: nur ein bisschen vegan?

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Nur ein bisschen vegan?

Wo „vegan“ draufsteht, ist nicht immer vegan drin

Veganismus beginnt häufig mit einer Nahrungsumstellung und dem Verzicht auf ganz offensichtlich tierische Produkte wie Fleisch, Fisch, Eier oder Milch. Aber auch ein nur kurzer Blick hinter die Kulissen der Industrien macht deutlich, dass damit ein wirklich veganer Lebensstil noch lange nicht erreicht ist. Denn ganz streng genommen müsste ein Veganer bei jedem Produkt und jedem Ding, das er in den Händen hält, hinterfragen, ob versteckte tierische Inhaltsstoffe enthalten sind oder Tiere irgendwie an der Herstellung beteiligt waren.

Produktkennzeichnungen und Labels

Da helfen auch Kennzeichnungen auf Verpackungen manchmal nicht weiter, denn die Begriffe „vegan“ und „vegetarisch“ sind keine fest definierten Begriffe, die sämtliche Herstellungsschritte streng abdecken, sondern oft einen großen Interpretationsspielraum der Hersteller beinhalten. Weiter sind die aufgelisteten Inhaltsstoffe häufig intransparent und verstecken Tierprodukte hinter Kürzeln. E120 beispielsweise steht für den roten Farbstoff Karmin, der aus getrockneten Cochenilleschildläusen gewonnen wird und bis 2006 für die grellrote Färbung von Campari sorgte. Fast schon absurd ist es, dass in einigen Vitamin-B12-Präparaten, also das Nahrungsergänzungsmittel, das vor allem viele Veganer einnehmen, tierische Produkte enthalten sind.

Um Veganer auf der Suche nach tierfreien Produkten zu unterstützen, haben sich einige Labels etabliert, die bei Erfüllung bestimmter Kriterien auf die Produkte gedruckt werden dürfen. Das bekannteste für vor allem Lebensmittel und Kosmetika ist wohl das V-Label, das nicht nur die eigentlichen Inhaltsstoffe, sondern auch weitere Faktoren im Entwicklungs- und Verarbeitungsprozess mit einbezieht, und auf Antrag von einer europäischen Kooperation veganer Verbände vergeben wird.

Vegane Kleidung:

Natürlich gibt es neben der Ernährung noch viele weitere Bereiche, die für ein veganes Leben einer Prüfung unterzogen werden können, so zum Beispiel die Kleidung: Pelz, Seide, Leder, Daunen oder Wolle sind noch relativ einfach auszumachen, aber auch hier gibt es Materialien, die nicht auf den ersten Blick als tierisch zu erkennen sind, beispielsweise Knöpfe aus Horn oder Knochen. Das Etikett eines Kleidungsstücks muss alle Materialien auflisten, sodass bei der Kleidung etwas mehr Transparenz gegeben ist.

Schwieriger wird es, wenn Materialien hinzukommen, die im Verarbeitungsprozess verwendet werden. Diese müssen nicht zwingend im Etikett ausgezeichnet werden und können durchaus tierischen Ursprungs sein. Taschen und Schuhe beispielsweise werden häufig mit einem Kleber verklebt, der das Milcheiweiß Kasein oder Knochenmehl enthält. Dass auch vegane Klebstoffe genauso gut kleben wie tierische, beweist der Infinite One, der von einem Kleber auf Wasserbasis zusammengehalten wird.

Vegane Medizin

Arzneimittel stellen viele Veganer vor eine schwierige Entscheidung, denn in Medikamenten kommen häufig nicht nur tierische Hilfsmittel wie Gelatine, sondern auch Wirkstoffe wie Heparin zum Einsatz, deren Bestandteile tierischen Ursprungs sind. Für einige dieser Medikamente gibt es vegane Alternativen, für einige aber auch nicht, sodass Veganer abwägen müssen, ob sie ihren Lebensstil im schlimmsten Fall auf Kosten der eigenen Gesundheit durchziehen wollen. Tierversuche sind im Entwicklungsprozess eines neuen Wirkstoffes bis heute Pflicht, der Kauf von Generika kann aber zumindest sicherstellen, dass nicht für den gleichen Wirkstoff mehrfach Tierversuche durchgeführt worden sind.

Unser Fazit:

Nicht nur unsere drei Beispiele, sondern alle Bereiche unseres Alltags sind in irgendeiner Art von nicht-veganen Faktoren geprägt, die ein komplett veganes Leben nahezu unmöglich erscheinen lassen. Dies ist aber kein Grund zum Kapitulieren, sondern sollte vielmehr als Chance begriffen werden, Prozesse und vermeintliche Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen und herauszufinden, inwiefern sich Dinge auch im Kleinen ändern lassen können, um Großes zu bewirken. Denn Veganismus bedeutet immer auch, sich für ein bewussteres Leben in und mit der Umwelt zu entscheiden.